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Rassismus

4. Juni 2020

Es ist 00:11Uhr.

Ich bin ein bisschen frustriert über meinen Abend. Eigentlich treffe ich mich Mittwochs mit meiner Zweierschaft – reden, beten, träumen,…doch das sagte ich ab, da mein Mann gerade viel arbeitet und ich bewusst gerade mehr für ihn da sein möchte.

Nun sitze ich hier am Bett. Mein Sohn musste zum dritten Mal aufs Klo, ihm gehts nicht gut. Ich mache eben noch ein paar Überweisungen, die ich am Tag einfach nicht geschafft habe. Ich könnte jetzt schnell schlafen, dann kann ich mich morgen mit meiner Freundin früh zum Beten treffen. Doch ich kann nicht schlafen, obwohl ich so erschöpft und irgendwie leer bin.


Seit zwei Tagen beschäftigt mich das Thema Rassismus.

Ein Video – welches ich einfach nicht packe ganz anzuschauen, so bestürzt bin ich darüber. Ich bin hilflos, alles scheint so weit weg. In allen Nachrichten, auf allen Plattformen erheben viele Menschen ihre Stimme. Und ich?

Was ist mein Platz? Ich möchte auch meine Stimme erheben! Ich möchte auch etwas tun! Aber was? Ich weiß überhaupt nicht welchen Schritt ich gehen kann.

Dann schreibe ich meiner Freundin. Mit ihr ging ich jahrelang zur Schule und wir waren wirklich beste Freundinnen. Wir kamen aus zwei unterschiedlichen Welten sage ich immer und doch sind wir beide in Deutschland geboren.

Ich liebte diese andere Kultur. Geprägt von Respekt, Liebe, Hochachtung der Eltern gegenüber und Gastfreundschaft. Ich liebte den Schwarztee mit Zimt, den sie mir immer machte, wenn ich zu Besuch war. Und ich weiß, dass wenn ich dort heute klingeln würde und egal wer vor der Tür stehen würde: meine Freundin selbst, ihre Brüder oder ihre Mama, sie würden mir alle einen Schwarztee machen.

Ich schrieb sie an: Erlebst du das auch in deinem Alltag? Erlebst du in deiner Heimat, dass Menschen dir das Gefühl geben, dass du anders,…nein,…das du falsch bist?

Ihre Nachricht traf mich:

Was ist Rassismus? Ich, 25 Jahre alt, erzähle euch heute einen kleinen Teil meiner Geschichte.

Ich bin geboren und aufgewachsen in Deutschland. Meine Eltern sind anderer Herkunft und vor ca. 35 Jahren nach Deutschland gekommen. Meine Eltern hatten weder Geld, noch irgendetwas anderes. Mein Vater hat hart gearbeitet, um meine Geschwister und meine Mutter zu ernähren.

Ronja kennt mich und meine Familie sehr gut und würde bestimmt bestätigen, dass ich aus einem guten Elternhaus komme. Eine Eltern legten viel Wert auf unsere Erziehung und Respekt vor einander sei das Wichtigste.

Oftmals stelle ich mir die Frage: Was bin ich? Wer bin ich? Bin ich deutsch? Ich spreche die Sprache perfekt, habe Abitur und bin mehr arbeiten als zu Hause zu sein. Trotzdem werde ich bzw. werden wir immer noch „Kanacken“ genannt. Wir scheinen immer noch nicht gut genug zu sein!!!

Hier eine Situation von vielen:

Ein wünschender Morgen und meine Eltern bitten mich einkaufen zu fahren. Das mache ich natürlich. Die Sonne scheint und ich habe gute Laune. Nachdem ich alles im Supermarkt gefunden habe, was ich brauche stelle ich mich an der Kasse an. Ich lasse einen jungen Mann vor, der nur Brötchen in der Hand hatte. Sowas ist für mich selbstverständlich, denn so wurde ich erzogen!!

Plötzlich rempelt mich eine ältere Dame mit ihrem Wagen an, ich denke, sie ist ungefähr 70 Jahre alt gewesen, schätze ich zumindest. Ich fragte mich, war das versehentlich? Hmmm,…nein, dann hätte sie sich doch entschuldigt? Ich sagte nichts und tat so, als ob nichts passiert sei.

Plötzlich fing sie an zu schreien, ich hätte eine Tüte auf den Boden geschmissen. Ich fragte mich welche Tüte???? Ich drehte mich sogar um, weil ich dachte sie meinte nicht mich, sondern wen anderes. Ich sagte ganz höflich „Meinen sie mich?“

Dann schaute sie mich an, als wäre ich ein Insekt, das schnellstens zerquetscht werden muss!

Sie antwortete mit: „Ja, natürlich meine ich Sie! MACHEN SIE DAS IN IHREM LAND AUCH?“

Ich war schockiert und wie erstarrt. Wenn mir sowas gesagt wird ,dann bin ich hier wohl doch nicht Zuhause. In einem Land in dem ich geboren bin..

Ronja wird bezeugen und bestätigen können, dass ich immer diejenige war, die sich für andere eingesetzt hat. Trotzdem muss ich hier sowas täglich erleben und ertragen.

Meine Antwort war übrigens: „Das ich Erziehung genossen habe und Respekt vor anderen Menschen habe, werde ich mich auf diese Diskussion nicht einlassen.“

Alle anderen schauten selbstverständlich nur zu, so wie immer! Es ist traurig in einem Land geboren und aufgewachsen zu sein und sich trotzdem fremd fühlen zu müssen. Und wie gesagt, das war nur eine von vielen Geschichten.

In ihrer Familie habe ich gelernt, was es wirklich heiß, gemeinsam füreinander einzustehen. Ihre Großzügigkeit hat mich verändert und lässt mich diese Freundschaft nicht vergessen.

Ich kann es nicht fassen, dass sie täglich in solchen Situationen steckt.

Was kann ich tun? Meine Gedanken dazu, teile ich euch in meinem nächsten Blogpost mit.

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